Schreibliesl Maskottchen
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Schreibübung/ Sich in den Protagonisten hinein versetzen

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Von Appletree

Ich träumte gerade, wie ein laues Lüftchen durch mein üppiges Blätterdach weht, und der kühle Morgentau meine Rinde streichelt, als plötzlich, und ohne Vorwarnung das Licht an geht.
Ich höre den Dielenboden knarzen und sehe Willi ins
Wohnzimmer kommen.
 
Hätte er bloß das Licht ausgelassen.
In der Einzimmerbude sieht es aus, wie in der Müllsammelstelle draußen vor dem Haus, kurz bevor die Müllabfuhr kommt. Außerdem  breitet sich schleichend der Geruch nach alten Socken aus. 
 
Die Rollos werden bis zur Mitte aufgezogen, fahles Licht trifft den Rand meines Übertopfes. Die Kaffeemaschine zischt bedenklich laut, ich fürchte, sie gibt bald den Geist auf. Willi müsste sie mal entkalken, das Wasser hier ist härter als die Ziegelsteine in der kahlen Wand.
Ich muss es wissen, denn wenn Willi einmal daran denkt, mich zu gießen, rollen sich bei dem Geschmack meine zarten, blassgrünen Blättchen zusammen.
 
Ich bin übrigens Bernd, ein kleiner Ficus.
Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als eine große, starke Eiche zu sein. Hach wär' das toll!
 
Schon als ich noch ein winziger Zögling  in der Gärtnerei war, träumte ich davon, eines Tages einen Stamm mein eigen nennen zu können, welcher im durchmesser mindestens die Maße von Gertrud erreichte.
 
Gertrud war die gute Fee, die mich aufzog.
Liebevoll zupfte sie welkes Blattwerk von meinen zarten Zweigen und besprühte mich täglich sacht mit lauwarmen Wasser. Sie sorgte für einen größeren Topf, wenn ich dem alten entwachsen war, und versorgte mich mit Dünger und frischer Erde, um es mir so gemütlich wie nur möglich zu machen.
 
Oft sprach Gertrud mit mir, oder pfiff keck ein kleines Liedchen um mich zu erheitern.
Und sie war ein mächtiges Exemplar der Gattung Mensch.
Eigentlich war sie eher wie drei Menschen, und genau so wollte ich sein! Groß und breit.
 
Wehmütig denke ich an meine wunderbaren Sprösslingstage zurück und erschrecke mich, als ich plötzlich  Willis Maurerdekolltè vor mir erblicke, und den Geruch von faulen Eiern vernehme.
 
Willi hat einen fahren lassen, und ein langezogener Rülpser folgt auf dem Fuße. 
Dann verschwindet er aus der Wohnungstür, ohne mich auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben.
Kein liebes Wort, kein Liedchen um mich zu erfreuen, und gegossen hat er mich auch nicht.
 
Missbilligend werfe ich einige meiner Blätter ab, die trotzige Antwort auf Willis rücksichtsloses Benehmen.
Ich betrachte mich in der schmutzigen Scheibe des Wohnzimmerschrankes und stelle resigniert fest, dass ich mittlerweile aussehe, wie Willis spärlich bewachsener Kopf.
 
Er stellt mein angegriffenes Gemüt täglich auf eine harte Probe. Das alles würde wohl an keinem Pflänzchen so mir nichts dir nichts vorbei rauschen.
 
Beleidigt schaue ich aus dem Fenster und beneide die alte Eiche, welche königlich auf dem Hügel hinter dem Spielplatz thront. Stolz und frei steht sie da, den Gezeiten und dem Menschen trotzend.
Hach, was wär ich gern eine mächtige Eiche.
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Autor des Artikels Veröffentlicht Aktualisiert Views
Appletree 30.04.2017 02:39 01.05.2017 22:15 8
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