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Die Insel der Seligen

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Von Mimikry

 

Prolog

 

Lian hörte ein Kinderlachen. Sie öffnete die Augen und sah an die hölzerne Decke.

»Na, endlich wach, du Schlafmütze?«

Sie wandte den Kopf. Ihre Mutter, Mai Cang, stand neben ihrem Bett, in der einen Hand einen Kochlöffel in der anderen einen Topf. Sie lächelte. Lian erwiderte ihr Lächeln.

»Morgen Mutter«, sie gähnte.

»Von wegen Morgen!«, piepste eine Stimme. »Es ist schon Mittag.«

Lians kleine Schwester Bao stand in der Tür.

»Du wolltest doch mit mir spielen!«, sagte sie vorwurfsvoll.

Lian zwickte sie zärtlich in die Backe.

»Na los, hol dein Qi Miyu, Schwesterchen.«

Bao verschwand aus dem Zimmer. Lian wandte sich an ihre Mutter.

»Soll ich dir irgendetwas helfen?«

»Nein, heute kannst du dich mal entspannen. Du hilfst mir jeden Tag!«

»Gut‹‹, sie sah sich um. ››Wo ist eigentlich Bi?«

»Gute Frage, vielleicht spielt sie draußen mit der Katze.«

Ein lautes Klappern erregte ihre Aufmerksamkeit. Bao kam zurück. In den Händen hielt sie das kleine Kästchen. Es enthielt verschiedene Plättchen, mit denen man verschiedene Figuren legen musste.

Eine Weile legten sie die verschiedenen Tiere. Sie wurden immer schneller. Bao hatte schließlich die letzte Figur gelegt. Lian fehlten noch drei.

»Juhuu, gewonnen!!!!!«

»Was ist mit dem Drachenkopf, Schatz?«

»Den kann ich doch noch nicht, Mama!«

Mai schürzte die Lippen.

»Ich habe ihn dir gestern erst gezeigt, du kleiner Frechdachs!«

Bao kicherte, als sie von ihrer Mutter hochgenommen und gekitzelt wurde.

»Komm her, ich zeig ihn dir noch einmal!«

Sie kniete sich hin, nahm die verschiedenen Teilchen und hatte innerhalb von wenigen Handgriffen, den perfekten Drachenkopf gelegt.

 

Ein paar Stunden später, Lian war gerade dabei den Boden zu schrubben, kam Mai mit Bi und Bao in die Küche. Sie stemmte die Hände in die Hüften.

»Lian, habe ich dir nicht gesagt, dass du heute nicht arbeiten sollst!«

»Willst du jetzt etwa von ihr hören, dass es ihr leid tut?«, wollte Bi wissen.

Ihre Mutter seufzte und schüttelte verständnislos den Kopf.

»Ach, mach dir nix draus, Mutter«, sagte Bi. »Lian ist eben arbeitssüchtig!«

»Ja ja, aber jetzt ist es genug. Kommt, meine Mäuse, wir machen einen Ausflug zum gelben Fluss!«

»Au ja, super!«, rief Bao begeistert.

Ihre Mutter nahm sie auf den Arm und ging allen voran aus dem Haus. Lian und Bi folgten ihr. Während sie so über die Wiese gingen, blies ihnen der warme Sommerwind ums Gesicht. Lian sog genüsslich die Gerüche ein. Den geliebten Grasgeruch, nachdem das Feld frisch gemäht worden war und den Honiggeruch, den die herumschwirrenden Bienen verbreiteten. Das, dachte sie, das sind die Freiheit.

»Mutter, stimmt’s, wir sind frei?«

Mai sah sie an.

»Fast«, sagte sie.

Lian runzelte die Stirn.

»Seht mal, da ist er!«, rief Bao.

Sie waren am Ufer des gelben Flusses angekommen. Ihre Mutter setzte Bao ab und sprang auf einen großen Fels, der aus dem sandfarbenen Wasser herausragte. Dann streckte sie die Hand nach ihrer jüngsten Tochter aus.

»Komm mein Schatz.«

»Ich hab Angst, Mama.«

»Du brauchst keine Angst zu haben, nimm einfach meine Hand.«

Aber Bao traute sich nicht. Eine Ewigkeit stand sie im Gras und sah angsterfüllt in das schlammige Gelb hinab. Schließlich packte Bi ihre kleine Schwester um die Hüfte und warf sie zu Mai hinüber. Lian und Bao schrieen erschrocken auf, aber die Kleine wurde sicher von ihrer Mutter aufgefangen.

»Sag mal, spinnst du? Was wäre gewesen, wenn Bao ins Wasser gefallen wäre?«, schimpfte Lian.

»Dann wäre sie nass geworden!«, antwortete Bi gleichmütig und sprang ebenfalls auf den Felsen hinüber. Lian folgte ihr, immer noch tobend. Mai legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Unterarm.

»Schon gut, mein Schatz. Wenn Bao ins Wasser gefallen wäre, dann hätte ich sie schon sicher wieder herausgeholt. Du weißt doch, dass ich eine gute Schwimmerin bin.«

Lian nickte. Ihre Mutter hatte Recht. Natürlich.

»Habe ich eigentlich schon einmal von der Insel der Seligen erzählt?«

Die drei Mädchen sahen sie fragend an. Mais Blick war in die Ferne gewandert.

»Man sagt, sie läge weit draußen, auf dem offenen Meer. Alle Wesen, die China einmal bevölkerten, sollen nun dort leben.«

»Welche Wesen? Und warum leben sie nicht mehr in China?«, unterbrach Bao.

Mai sah sie an. In ihre Augen war ein geheimnisvoller Schimmer getreten.

»Nun ja, Wesen wie zum Beispiel die Drachen oder die Phönixe. Die vielen Kaiser Chinas haben sie gejagt und erlegt. Daraufhin flüchteten sie auf diese Insel.«

»Ja, aber der Kaiser könnte doch einfach zu dieser Insel segeln und die Drachen dann wieder angreifen«, warf Bao ein.

Mai beugte sich zu Bao herab und legte einen Finger an die Lippen.

»Nein, diese Insel wird von mächtigen Bannen und Zaubern geschützt‹‹, flüsterte sie.  ››Kein Mensch ist in der Lage dorthin zu kommen. Was glaubst du Bao? Natürlich haben immer wieder viele Kaiser versucht die Insel zu finden, aber sie kamen nie zurück.«

Ihre Mutter schwieg und sah zum Horizont. Nach einer Weile regte sich Lian.

»Woher weißt du denn so viel darüber?«

Als sie antwortete, klang es, als würde Mai jedes Wort genau abwägen.

»Als ich noch ein kleines Mädchen war, hat mir mein Urgroßvater von der Insel erzählt. Er sagte, sein Vater hätte als Kind selbst noch auf der Insel gelebt.«

»Aber sagtest du nicht, dass Menschen diese Insel nicht betreten könnten?«

»Tja, dann war er wohl kein Mensch!«

Noch bevor Lian fragen konnte, was ihre Mutter damit meinte, sprang Bi auf.

»Seht mal, das Wasser, es steigt.«

Auch ihre Mutter sprang auf.

»Du hast Recht. Los, alle weiter hinaufklettern!«

Das Wasser warf  Wellen. Es schwappte an den Felsen. Es sah gefährlich aus. Wie ein gelbes Ungeheuer, das nur darauf zu warten schien, alles und jeden in seine Tiefe zu ziehen.

Ein gellender Schrei ertönte. Lian blickte sich um und sah gerade noch, wie ihre kleine Schwester schreiend vom Felsen stürzte und untertauchte. Ihre Mutter hatte die Augen weit aufgerissen. Sie sprang hinterher.

»MUTTER!!!«

»BAO!!!«

Das Wasser rauschte drohend.

»Da!«, rief Bi und deutete auf eine Stelle im Wasser.

Mai und Bao waren soeben wieder aufgetaucht. Mai hatte Bao im Arm und schwamm einhändig auf den rettenden Felsen zu. Bi und Lian streckten sofort die Hände aus um sie zu sich hinauf zu ziehen. Ihre Mutter reichte ihnen zuerst die zitternde Bao und wollte folgen. Gerade als sie sich mit der Hand festgekrallt hatte, kam ein Schwall Wasser und ergoss sich über den Felsen. Lian hielt Bao umklammert, damit sie nicht wieder ins Wasser fiel und Bi hielt sich an Lian fest, während sie von der eiskalten Flut übergossen wurde. Als sie wieder Atmen konnten, öffnete Lian die Augen und sah sich um. Bi hatte sich an ihre Schulter gekrallt und Bao, in ihren Armen, vergrub das Gesicht an ihrer Brust und wimmerte. Aber wo war ihre Mutter? Sie war weg. Lian hörte nur noch ihren eigenen verzweifelten Schrei.

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Autor des Artikels Datum Views
Mimikry 06.05.2017 11:49 9
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