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Pluto und der Froschkönig

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Von Tintenkleckser

 

Pluto und der Froschkönig

 

Gestern Abend, so um halb Elf, habe ich wie gewohnt, kurz vor dem Schlafengehen, noch einmal eine Runde mit unserm kleinen Pluto gedreht. Er ist ein Mischlingshund mit Schlappohren und einen langen Schweif; er misst gerade einmal 30 cm, ist schwarzbraun und einer seiner vielen Vorfahren war offensichtlich ein Fährtenleser gewesen. Das glaubt wenigstens mein Hund.

Jeder Hundebesitzer weiß nun ganz genau, was das heißt, wenn sein Hund meint, er sei der größte Spurenschnüffler vor dem Herrn.

Für Nichthundebesitzer zur Erklärung: An wirklich jede Ecke, an jeden Stein, oder auch an jedem neuem Ast, der zufälligerweise vom Baum auf das Trottoir gefallen ist – also in seinem Revier -, muss beschnuppert werden, und das mit einer Intensität, dass man glaubt, er wolle unseren Staubsauger, der Marke Vorwerk Kobold, in Konkurrenz treten.

Mit welcher Hingabe er seinem Riechorgan an den zu untersuchenden Gegenstand klebt, und wie er auch noch die letzten Geruchspartikel in sich hineinsaugt, analysiert und in seinem kleinem Hundekopf katalogisiert, ist wirklich ein einmaliges Erlebnis, dass nur wahre Hundefreunde verstehen können.

So gesehen, zeichnet sich die allabendliche Runde in unserer Gegend, nicht unbedingt mit einer langen Strecke aus, sondern eher mit einem gemütlichen, langsamen Spaziergang – von Ecke zu Ecke, von Baum zu Baum, von Stein zu Stock. Also wirklich etwas angenehm Entspanntes für den Hundebesitzer, der seinem Schnüffel hinterher läuft und dabei seine Gedanken für diesen Tag so langsam ausklingen lassen kann, während sein kleiner Racker alles tut um sich die Seele aus dem Leib zu schnüffeln.

Also, wie gesagt, gestern Abend, um halb Elf in unserer Straße, gerade einmal 150 Meter von unserer Haustür entfernt, klebte sein Nase gerade wieder einmal an einem Objekt, an dem er überhaupt nicht loslassen wollte.

Ich wollte aber weiter und war auch schon ein paar Meter weiter geschlendert. Die Hundeleine war schon gefährlich auf die maximale Länge gespannt. Darum zog ich ein klein wenig an ihr. Normalerweise reicht dieses kleine Zupfen, und Pluto kommt mir nach. Doch entgegen aller Gewohnheit, blieb unser Pluto dieses mal dort wo er war. Keinen Zentimeter bewegte er sich von dem Ort, an dem er seine Geruchspartikelanalyse an einem kleinen schwarzbraunen Klumpen durchführte.

Nanu, dachte ich im stillen, Du wirst doch wohl heute Abend nicht an jedem Sch...haufen deines Kollegen schnuppern? Ich muss morgen früh noch zur Arbeit, mein Freund. - Jeder Hundefreund weiß, dass das ein kleines Problem darstellt, ja sogar ein ziemlich unappetitliches aus unserer Sicht gesehen. Doch einige Hunde sind nun einmal sogenannte Koprophage, also Kotfresser. Also ist das, was Pluto aus meiner Sicht da gerade vorhatte, ein ganz normales Verhalten für einen Hund. - Na ja, zugegeben. Nicht für alle Hunde. Aber für Hunde, die ein übersteigertes Territorialverhalten an den Tag legen, und die Markierungen seines Artgenossen beseitigen will, ist dieses unappetitliches Verhalten normal.

Trotzdem wollte ich das nicht. Das ist mir doch zu unappetitlich, wenn er mir dann später noch, wie es bei uns Gewohnheit ist, kurz vor dem Schlafengehen, seine Hundeliebe noch mit einem kleinen Gute-Nacht-Kuss siegeln will!

Pluto, lass das!“

Ich zerrte noch ein bisschen stärker an seine Leine, doch Pluto bleibt mit seinen Pfoten, als ob er mit Sekundenkleber auf den Asphalt angeklebt war, dort stehen und bewegte sich keinen Zentimeter weiter.

Wohl aber sein Hals – er wurde länger. Und ein kleines ersticktes Würgen und Gurgeln war die Antwort - sonst nichts.

Nun, was ist denn los? - So interessant kann das doch gar nicht sein!“

Ich kam ihm ein bisschen entgegen und rollte dabei die Leine ein klein wenig ein. Dabei war es mir natürlich auch vergönnt, einen genaueren Blick auf den schwarzbraunen Klumpen zu werfen, in dem nun wieder eine Hundenase steckte.

Als ich gerade noch eine halben Schritt von unserem Schnüffelmeister entfernt war, wusste ich, warum Pluto von diesem kleinen Klumpen nicht weg wollte. Denn ein Kothaufen eines Artgenossen, war das nicht, den er hier brav verteidigte, sondern es war ein kleiner Frosch.

Jetzt, wo ich so nah an meinem schwanzwedelnden Freund stand, sah ich es im Schein der Straßenlaterne ganz deutlich. Ja, es war ein kleiner, niedlicher Grasfrosch, der gerade aus seiner Winterstarre erwacht war und nun auf seiner Wanderschaft zu einem Feuchtgebiet war.

Offensichtlich war unser kleiner neuer Freund noch nicht ganz auf die Höhe. Richtig aufgewacht schien er mir auch nicht zu sein. Er bewegte sich nur sehr langsam, sehr träge, gab auch keinen Ton von sich. Lediglich ein Auge zwinkerte mir verstohlen zu.

Was sollte ich nur mit dir machen?, dachte ich so bei mir im stillen, Wenn ich dich hier sitzen lasse, werde ich morgen Früh, hier an dieser Stelle, deinen platten Körper bewundern können. - Du hast dir wirklich eine ungünstige Stelle auf den Bürgersteig ausgesucht. - So wird das nichts mit einer langen Wanderschaft.

Nun, was lag also näher, als eine kleine Rettungsaktion einzuleiten. Es wird mich ja auch niemand sehen. Ich kann mich also von niemanden als Weichei erwischen lassen. Und Willi hat ja ein Teich in seinem Garten. Da wirst du dich sicherlich freuen, mein kleines Fröschchen!

Gesagt, getan.

Ich nahm ihn auf meine Hand. Er fühle sich ziemlich kalt an und ich meinte spüren zu können, dass er mit seinen kleinen Zehen versuchte, sich in meiner Hand einen festen Stand zu sichern. Er fühlte sich, entgegen meines Vorurteils, überhaupt nicht glitschig an.

Was meinst du? Soll's los gehen?“ - Wieder nur ein kleines träges Augenzwinkern von meinem neuen kalten Freund.

Mein anderer Kumpel, Pluto, saß schwanzwedelnd auf seinen vier Buchstaben und warf mir seinen treuesten Hundeblick zu, der mir sagen wollte „Gut gemacht, nicht?“

Nun, ich hatte es wirklich nicht weit bis zum Garten unseres Nachbarn. Einmal nur kurz die Straße überqueren und 150 Meter bergauf zum nächsten Haus. Willi, mein Nachbar, hatte vor zwei Jahren mit meiner Hilfe einen kleinen Teich angelegt. Und dort wollte ich unseren neuen Freund aussetzen.

Der Pfadfinder sollte doch jeden Tag eine gute Tat machen!, dachte ich zufrieden und setzte mich in Bewegung. Ganz unbestreitbar ist es doch ein wirklich schönes Gefühl, wenn man etwas Gutes tun kann, wie hier der Natur auf die Sprünge zu helfen! - So dachte ich gestern Abend noch.

Offensichtlich dachte Pluto genau so. Denn mit stolz erhobenen Schweif, ging er mit tänzelnden Schritten, mit glänzenden Augen und seine feuchte Nase hoch erhoben, neben mir her und und ließ den kleinen Froschkönig, der sich in meiner ausgestreckten Handfläche ziemlich wohl fühlte, nicht aus den Augen. So gewappnet traten wir also unsere kleine Rettungsmission an.

Geplant war, den niedrigen Jägerzaun von Willis Garten zu übersteigen und den Grasfrosch die Freiheit auf Willis Rasen zu schenken.

Der Jägerzaun kam nun in meinem Blickfeld. Da die Straßenlaternen an diesem Straßenabschnitt ziemlich weit auseinander stehen, und an diesen Abend der Himmel sehr bedeckt war, war auch kein Mondschein vorhanden, der mir den Weg beleuchtet hätte. Es war also an diesem Wegabschnitt so düster wie im Grab. Erschwerend kam noch hinzu, dass Willis Grundstück zufälligerweise genau in der Mitte dieser zwei weit auseinander stehenden Straßenlaternen platziert ist.

An der Grundstücksgrenze angekommen band ich Pluto mit seiner Leine an einem Pfosten von Willis Jägerzaun fest und war gerade im Begriff eines meiner Beine über den Jägerzaun zu schwingen – in meinem Alter ein nicht mehr ganz so eleganter Bewegungsablauf – da sah ich die Bescherung!

Der von Willi so gepflegte englische Rasen sah an einigen Stellen gar nicht mehr so elegant aus! Trotz der schlechten Lichtverhältnisse sah man die Veränderung seines Rasens sofort. Ein Rasen, der alle paar Tage mit einem teuren importierten Walzenrasenmäher (ohne Motor, also Handbetrieb!), liebevoll getrimmt wurde, und auf dem wirklich kein einziges Blatt Unkraut zu finden ist, konnte nicht so buckelig aussehen, wie er es jetzt in diesen diffusen Lichtverhältnissen tat.

Was ist denn hier los?, stellte ich erstaunt fest, Haben hier Minimaulwürfe eine Invasion auf Willis Heiligtum gestartet?

Ich versuchte nun mit meinem Bein auf die andere Zaunseite zu kommen, ohne mir dabei den Schritt empfindlich an den spitzen Enden des Jägerzaunes zu verletzen. Das war gar nicht so einfach zu bewerkstelligen, da ich, balancierend mit der ausgestreckten rechten Hand einen kleinen Froschkönig hielt, und mich mit der Linken an einen Pfosten des Jägerzaunes abstützte.

Dabei verhakte ich mich mit dem Hosenbein an einem Zaunelement, wankte ein wenig und flog nicht gerade elegant, aber mit ausgestreckter rechten Hand, mit Schmackes auf die Nase.

Nun ja. Da lag ich nun im Garten meines Nachbarn, mit der Nase im frisch gemähten Gras und dachte in diesen Moment komischerweise an die freundliche Stimme aus meinem neuen Navigationsgerät. „Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ - Toll!

Unser kleiner Freund saß immer noch ziemlich bequem in meiner Hand. Zum Glück ist unserem Froschkönig nichts passiert. Nur meine Nase tat mir ein klein wenig weh und auch das Hosenbein meiner guten neuen Hose war eingerissen.

Aber was soll's! - Nicht jeden Tag kann man sich so für ein Geschöpf Gottes einsetzen. - Froschkönig, du bist jetzt gerettet! - Hüpf los uns suche dir eine Prinzessin!

Und genau das tat er! Er hüpfte los - allerdings in eine Richtung, in der ich es nicht vermutet hätte!

Anstatt in Richtung Willis Teich zu hüpfen, bewegte er sich ziemlich zielstrebig in Richtung Zaungrenze, also allem Anschein nach, wieder zurück an dem Ort, wo ich ihn aufgelesen hatte!

Verdutzt rappelte ich mich auf. „He! Wo willst du denn hin? Das ist die falsche Richtung!“

Doch unser Grasfrosch verstand mich nicht so ganz richtig. Er ließ sich nicht aufhalten und hüpfte zielstrebig weiter.

Ich sah an mir herab und stelle nun zu meinem Erstaunen fest, dass nicht nur mein geretteter Prinz die Flucht aus diesen Garten antrat, sondern auch eine ganze Menge seiner Artgenossen hinter ihn her hoppelten. Ja, ich stand mitten in einer kleinen Reisegesellschaft von etwa acht bis zehn Grasfröschen!

Ihr könnt mir glauben, aber das Erstaunen war bei mir riesengroß. Das was ich im schwachen Licht vom Weiten irrtümlich als Maulwurfhügel auf Willis englischen Rasen ausgemacht hatte, waren nichts anderes als kleine Grasfrösche, die auf ihrer alljährlichen langen Reise zu einem anderen sumpfigen Ort waren, um dort ihrer Fortpflanzung nachzugehen.

So stand ich nun ziemlich entwaffnet mit offenen Mund da und bewegte mich nicht, denn ich wollte nicht zufällig auf eines der kleinen Fröschlein treten.

Pluto dagegen tänzelte freudig und beschnüffelte jeden seiner kleinen Freunde die unter dem Zaun hervor hoppelten mit einem wirklich freundlich gemeinten Schwanzwedeln. Musste er doch jeden seiner neuen Kumpels zur persönlichen Begrüßung seine Nase aufdrücken!

Zum Glück hat mich an diesen Abend keiner gesehen, wie ich da mit blutender Nase, aufgerissenen Hosenbein und obendrein noch von oben bis unten mit Erde verschmutzt auf Willis englischen Rasen stand und die kleine Völkerwanderschaft mit Erstaunen beobachtete.

Heute morgen ist mir schließlich ein kleines Licht aufgegangen.

Ziemlich verkatert und noch müde saß ich an meinem Küchentisch. Mein rechtes Bein hat nun an der Innenseite einen langen Kratzer, in meinen Nasenlöchern ist noch eine Blutkruste und meine neue Hose hat nun ihre endgültige Heimat in der Mülltonne gefunden.

In meiner Hand hielt ich das Kalenderblatt mit den heutigen Spruch.

Und wie es so manchmal mit solchen Sprüchen ist, dieser Spruch passt wie „eine Faust aufs Auge!“

Auf diesem Kalenderblatt steht doch tatsächlich ein kleiner Bibelspruch, den ich gern gestern gelesen hätte. Denn dann wäre mir sicherlich nicht das Dumme passiert, was ich mit unserem Froschkönig und seinem Volk erleben musste.

Dieses Kalenderblatt habe ich mir dann heute morgen an meinem Schwarzen Brett angeheftet. An diesem Brett sind einige Dinge angeheftet, die ich nicht vergessen will, so auch der Spruch aus der Bibel:

Ich weiß, HERR, dass des Menschen Tun nicht in seiner Gewalt steht, und es liegt in niemandes Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte. “ (Bibelbuch Jeremia 10:23 aus Lutherbibel, revidierter Text 1984 ).

 

4/2014 – Bodo Podgorski

 

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Autor des Artikels Veröffentlicht Aktualisiert Views
Tintenkleckser 05.08.2017 12:19 07.08.2017 21:40 10
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