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Am Fuße der Treppe - Rückblick 11

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Von Varia-Bel

- 11 -

Nur wer den Schmerz kennt...



Die Luft ist so kalt. Die Nacht so dunkel.
Ich versuche mich zu erinnern, was ich hier draußen mache. Warum ich durch den Wald renne, mit nichts mehr am Leib als meiner Unterwäsche. Boxer sowie Muskelshirt sind schmutzig, voller Erde. Bin ich gestürzt? Ich erinnere mich nicht mehr. Laufe so schnell ich kann, mein Puls rast. Die Muskeln schmerzen.
Die Wipfel der Bäume flüstern im Wind. Ansonsten beherrscht Stille den Moment. Es fühlt sich an, als befünde ich mich in einer Glaskugel, denn trotz des freien Himmels über mir, schien mir die Welt noch nie so beengt zu sein.
Etwas berührt mich am linken Knöchel, lässt einen brutalen Ruck durch meinen Körper gehen, der mich stolpern lässt. Nur mit aller Mühe gelingt es mir, mein Gleichgewicht zurück zu erlangen und Halt an einem der Bäume zu finden, bevor ich stürze. Ich nehme das Gefühl der rauen Rinde unter meinen Händen kaum wahr, zu sehr erfüllt mich eine scheinbar quellenlose Panik. Hastig erkunden meine Augen die Umgebung. Doch da ist nichts hinter mir. Nichts als tiefschwarze Leere. Und dieses Flüstern, welches immer mehr zunimmt und sich von allen Seiten nähert. Verzerrte Stimmen formen wirre Worte. Erheben sich zu einem Rauschen, bis es nahezu körperlich erscheint. Sich um mich legt wie ein Mantel. Warm und doch irgendwie bedrohlich.
Langsam, nicht aus einem Akt des Willens heraus, sondern durch das schiere Versagen jeglicher Kräfte, sackt mein Körper zu Boden. Das Rauschen endet in einem kurzen Aufflackern dieser Scheinrealität, hinter der vernichtende Blicke auf der Lauer liegen. Sie fixieren mich für den Bruchteil eines Atemzuges, dann spüre ich nur noch diese Hände. Sie sind überall, legen sich über meine Augen und nehmen mir die Sicht, halten meinen Mund zu, auf dass kein Laut über meine Lippen dringt und drücken mich zu Boden, vielleicht sogar durch diesen hindurch, hinein in ein flammendes Inferno.
Mit einem Schrei werfe ich mich herum, der Laut ganz schwach und gedämpft durch die noch immer geschundene Kehle, aber das Feuer noch viel zu lebendig in den Adern. Nur beiläufig, irgendwo am Rande meines Bewusstseins, bemerke ich, wie mich für einen Moment Schwerelosigkeit umfängt, ehe ich auf dem harten Boden aufschlage. Mein Kopf schwimmt, die Ohren dröhnen und das Feuer brennt sich durch meine Haut, in die Knochen und schließlich die Essenz meines Seins, während ich wie wild um mich schlage. Erst eine plötzliche Kälte reißt mich aus diesem Wahn der Erinnerung. Und während ich nach Atem ringe und versuche meine Orientierung zurück zu gewinnen, setzt sich das Puzzel der jüngsten Ereignisse vor meinem geistigen Auge zusammen.
Es war bloß ein Alptraum. Wie der noch zur Hälfte um meine Beine gewickelten Decke zu entnehmen ist, muss mein eigenes Mikroklima unter dieser wohl überreagiert haben, ehe ich aus dem Bett gestürzt bin und in diesem semibewussten Zustand das erst halb geleerte Wasserglas gefunden habe. Das Wasser, welches durchs Haar bis in meine Kleidung hinein rinnt und gemächlich zu Boden tropft, erzählt den Rest der Geschichte.
Wann habe ich überhaupt den Weg in mein Bett gefunden? Ich seufze, lasse mich wieder zu Boden sinken und spüre im nächsten Moment, wie die Sonne, die ihre Strahlen gnadenlos durchs Fenster wirft, zwei Säbel in meine Augenhöhlen stößt. Wenn es einen Moment gibt, um sich den Tod zu wünschen, dann ist es wohl dieser. Doch wenigstens bin ich jetzt wach.

Zum ersten Mal seit langem verbringe ich nahezu peinlich übertrieben viel Zeit im Bad und kümmere mich darum, nicht mehr auszusehen wie der wandelnde Tod. Zwar fällt es mir noch immer schwer, in den Spiegel zu sehen, doch nach dem Schock am Vorabend bin ich sowieso schon auf das Schlimmste gefasst und erhalte von irgendwoher den Antrieb, mich selbst zu überwinden. Allerdings müsste wohl ein Wunder geschehen. Denn das Wunder in Form von getönter Hautcreme verhilft nur zu mäßigem Erfolg.
Skeptisch blicke ich noch einmal auf die Tube, bevor ich sie zurück in die Schublade meiner Mum fallen lasse und diese schließe. Ist nicht das erste Mal, dass ich ihr Make-Up Zeug benutze. Verklagt mich doch.
In der Küche sitzt meine Mum am Esstisch. Besser gesagt; sie kauert über ihrer Kaffeetasse, hält sich den Kopf und realisiert wohl kaum, dass ich im Türrahmen stehe.
"Wie kommts, dass du schon wach bist?", frage ich sie nach einer kurzen Musterung ihrer Kleidung. Sie trägt nicht mehr das selbe wie am Vorabend, andernfalls hätte ich mich erkundigt, ob sie nun erst nach Hause gekommen sei. Es ist fast Mittag. So undenkbar wäre es dennoch nicht.
"Musste jemanden rauswerfen." Bei dem Genuschel grenzt es an ein Wunder, dass ich sie überhaupt verstehe. Und mehr als das will ich auch gar nicht wissen. Anstatt also weiter nachzufragen stoße ich mich vom Türrahmen ab und durchforste die Schränke nach etwas Essbarem, wobei mein Blick auf einen Brief fällt. Dieser liegt auf meinem Platz am Esstisch. Oder zumindest das, was sich irgendwie als mein Platz erwiesen hat, nachdem wir ihn kaum nutzen. Mehr als suspekt.
"Was ist das?"
Meine Mum sieht zu mir auf und ich spüre, wie sich eine meiner Augenbrauen skeptisch in die Höhe bewegt beim Anblick des verschmierten Make-Ups. Zwar grenzt es noch nicht an eine Katastrophe, erzählt aber deutlich von einer durchzechten Nacht. Während ich zwei Scheiben Toast in den Toaster werfe, deute ich auf den Brief, damit sie weiß, wovon ich spreche.
"Ein Brief.", nuschelt sie und zuckt mit den Schultern.
"Für mich?" Ich betone diese Worte nicht wie eine Frage, sondern eher so, als würde ich alles damit zusammenhängende infrage stellen. Und das nicht grundlos.
Sie nickt. Ich sehe zur Uhr. So früh kommt unser Postbote für gewöhnlich nicht in dieser Ecke vorbei, und als ich nach dem Brief greife und ihn einmal in der Hand drehe, wird mir klar, dass er auch nicht über den gewöhnlichen Postweg hierher gekommen sein kann. Immerhin steht weder ein Absender drauf, noch eine Zieladresse. Nur mein Name.
Das obligatorische Geräusch des Toasters, welcher voll Motivation die Fertigstellung seiner Aufgabe verläutet, erscheint mir nahezu der Klang einer sich erleuchtenden Glühlampe zu sein, als ich die Handschrift erkenne.
"Hat ein Mann vorbei gebracht. Sah gut aus, schien es aber eilig zu haben. Wusste noch gar nicht, dass du-"
"Wie lang ist das her?", unterbreche ich sie und gehe ans Fenster, um auf die Auffahrt zu sehen. Keine Ahnung, was ich mir davon erhoffe jetzt hinaus zu sehen. Ist ja nicht so, als würde John die ganze Zeit draußen stehen und abwarten, wie ich auf seinen Brief reagiere. Meine Mum blinzelt überrascht. "Vielleicht eine halbe Stunde."
Bei allen Geistern, wie lange war ich bitte im Bad?! "Hat er noch irgendetwas gesagt?", hake ich weiter nach, bevor ich mir den Brief zwischen die Lippen klemme und ein Tuch von der Küchenrolle abreiße, um das Toast darauf zu platzieren.
"Nicht wirklich. Er hat ihn nur eingeworfen, aber nicht geklingelt."
Mir fällt ein Stein vom Herzen. Nach allem, was ich John bereits erzählt habe, würde meine verkaterte Mutter wohl kaum ein gutes Licht auf das Gesamtbild werfen. Ich nicke, deute ihr an, dass ich zurück auf mein Zimmer gehe und bin schneller wieder weg, als dass sie noch irgendetwas kommentieren könnte.

Es vergehen etwa zwanzig Minuten, in denen ich mir einen Blickkrieg mit dem Brief erlaube, als würde ich erwarten, dass er sich dadurch jeden Moment von selbst öffnet. Zahlreiche Gedanken schießen mir durch den Kopf und jeder einzelne davon lässt mich nur umso mehr zögern den Brief zu lesen. Aus irgendeinem Grund erwarte ich das Schlimmste. Vielleicht hat er irgendwo anders einen Job angenommen und ich sehe ihn nie wieder. Vielleicht hat er spontan Urlaub eingereicht und ich sehe ihn nie wieder. Vielleicht hat er auch einfach nur die Schnauze voll von mir und ich sehe ihn nie wieder.
Mein kleiner Psychoth lacht mich aus für jeden dieser Gedanken. Hält mir vor wie dämlich ich bin. Dass ich es immer noch nicht begriffen habe. Dass ich lieber darauf hoffen sollte, John nicht wieder zu sehen.
Ich weiß, dass er recht hat. Es wäre wirklich besser, wenn wir uns nie wieder sehen. Vermutlich weniger für mich, als für ihn. Aber ich kann nicht anders. Der Stein hat die Lawine längst ausgelöst, das kann nicht einmal mein Psychoth verleugnen. So sehr er sich auch bemüht in dieser emotionalen Berg- und Talfahrt.
Es ist beinahe nur eine Trotzreaktion auf den Schmerz vom Vorabend, den er mir lauthals bescherrt hat. Das wilde Schlagen mit den Flügeln eines Vogels, der kurz vor dem Aufprall steht und sich nicht mehr anders zu helfen weiß.
Behutsam, beinahe als würde ich hauchdünnes Glas in den Händen halten, an dem ich mich jeden Moment schneiden kann, öffne ich den Briefumschlag. Schließe die Augen und atme noch einmal tief durch, während ich den Zettel auseinanderfalte. Dann lese ich die wenigen Zeilen:

Ich glaube, du schuldest mir noch einen Besuch im Eiscáfe.
Hole dich heute um 17h beim Bunkerpark ab.
John

"Gerissener Bursche... So viel zum Thema du lässt mir die Wahl...", murmele ich in die Stille und versuche mich darin mit den Augen zu rollen. Es fällt mir überraschend schwer. Muss an dem dümmlichen Grinsen liegen, das ich gerade kaum zurückhalten kann.
Ich spüre die Krallen meines Kopfpsychothen, wie sie sich langsam wetzend durch mein Bewusstsein ziehen. Höre ihn zetern, grummeln, knurren und fauchen. Doch ich lasse mich davon nicht beeindrucken. Nicht jetzt, wo sich das Gestern so längst vergangen anfühlt. Ich fühle mich zu gut in diesem Moment. Nahezu großartig.
Ich habe mich auf dieses Spiel eingelassen. Jetzt bringe ich es auch zu Ende.
Was auch immer es in Gang gesetzt hat und wie finster der Grund dieser tiefen Schlucht auch ist. Selbst wenn der Aufprall im blutigsten Desaster endet der meine Flügel endültig zerbricht. Diesen einen Flug wird es das wert sein.

Seiten: 1
Autor des Artikels Veröffentlicht Aktualisiert Views
Varia-Bel 04.12.2017 17:54 09.12.2017 23:34 6
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